Text B1

Aus Keine Klasse
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Der Kopf ist das schlimmste Organ des Menschlichen Körpers


1 Er war viel zu früh aufgewacht an diesen ersten Morgen in der neuen Stadt. Und das nachdem Xaver auch viel zu spät angekommen und ins Bett gestiegen war, ohne Träume im Kopf, ohne Schlaf im Körper. Das war's jetzt also, dachte er, so findet also alles sein Ende. Wie unspektakulär, wie erbärmlich. Gleichzeitig war dieses unspektakuläre, jähe Ende, das sein Leben nun zu nehmen schien, auf eine ironische Weise komisch. Das Leben sank "stupified" durch das wogende Salzwasser dem nicht-ursächlichen Grund entgegen, schlimm war es nicht, auch nie schlimm gewesen. Sollte es sich nun selber beenden, so bliebe noch immer das Meer. Wie lange hatte er davon geträumt endlich am Meer zu sein. Er schaute lange in das unendliche Blau hinaus - als ihm plötzlich jemand von hinten auf die linke Schulter tippt...

2 Langsam schlendert Xaver das enge Strässchen Richtung Meer entlang. Die Sonne senkt sich schon und die Marktfrauen packen langsam ihre Stände zusammen. Ihm ist im Grunde nicht nach trinken zumute. Aber es ist das Einzige, was gegen diese leichte Melancholie hilft, die ihn immer beschleicht, wenn er zu lange dasitzt und über den Ozean blickt. Also begibt er sich langsam in Richtung des kleinen Städtchens - auf der Suche nach einer Bar. Statt Bar findet er nur eine grosse Uhr, "horloge" oder so genannt, darunter ein Torbogen, der sich zum Denken geradezu anbiedert und einen salzigen Luftdurchzug hat. Also nimmt er seine Kappe ab und reibt seinen Schädel an den Säulen des Torbogens, rauf, runter, rauf, runter, aber das einzige, was passiert, ist, dass sich Steinstaub von den Säulen löst und zu Boden schneit, vielleicht sind es auch seine Schuppen, Xaver ist sich nicht sicher. Er setzt seine Mütze wieder auf und bewegt sich langsam von dem Torbogen weg. Er schämt sich ganz furchtbar, ist er doch immer sehr auf Körperpflege bedacht. Die Vorstellung, das mögen eben gerade wirklich seine Schuppen gewesen sein, lässt ihm keine Ruhe. So würdelos hat er sich in seinen 60 Jahren nie gefühlt. Also packte er dieses schlaffe Stück Fleisch, welches sich nicht von der Stelle bewegen wollte, wieder in seine Hose, entschuldigte sich murmelnd während er einen Fünfziger aus seiner Tasche kramte und verliess den Raum. Die ganze Situation erinnerte ihn unwillkürlich an eine Begebenheit, die er bis heute bereute, er hatte damals an einer gratis Schnupperstunde Bootcamp auf der gesperrten Rampe teilgenommen und nur drei Liegestützen auf dem kalten Beton geschafft. Damals hatte er nicht verstanden, doch jetzt, den Reissverschluss seiner Jeans in der Hand realisierte er: Frau T. war schuld, sie war es immer gewesen, er, Xaver, hingegen hatte nun alles in der Hand (mehr als nur seinen Reissverschluss). Desillusioniert machte sich Xaver daran seine Sachen zu packen. Er schwang seine Tasche über die Schulter und ging gesenkten Kopfes und mit langsamem Schritt durch die Tür.

3 Xaver taucht mit dem Kopf unter Wasser, hält die Luft an, fünf, zehn Sekunden. Er weiss nicht, vor was er sich mehr fürchten sollte: Entdeckt zu werden oder versteckt bleiben. Er versteckt sich hinter einem Schwan-Pedalo und versucht den beiden Männern auf dem Steg zu lauschen, doch sie sind zu weit weg. Tatsächlich kann er einige Worte von den Lippen des Mannes ablesen, der mit dem Gesicht zu ihm gerichtet steht. Und der spricht mit zitternden Lippen und bebendem Bart: "Mein Name ist Xaver." Zwei in lange Mäntel gehüllte Frauen eilen ins Gespräch vertieft vorüber. Sie beachten Xaver nicht, sie haben zu tun und zu reden, was und worüber werden wir nie erfahren, sie eilen zu schnell, mit einem Affenzahn gar, als hätten sie Motoren an den Füssen. Xaver schaut ihnen nach. Eine leichte Traurigkeit beginnt in ihm hochzusteigen. Wie gerne wäre er auch zu zweit. Und wie sehr hätte ihm ein Partner in seiner jetzigen Situation helfen können… Andererseits darf Xaver sich nicht beklagen. Schliesslich hatte er sich entschieden, sein Leben so zu führen. Von nun an entsagt Xaver jeglicher Klage, wird er gefragt, wie es ihm gehe, so geht es ihm gut - und irgendwann fällt ihm dank dieser Massnahme gar kein Klagelied mehr ein. Er hat sich selbst übertölpelt, er hat gelernt, zu vergessen, er hat seinen Schädel ausgelöffelt, bis er hohl war und fühlt sich endlich leicht.

4 Das wäre angemessen gewesen: Mit dröhnendem Schädel am Strand erwachen und nichts mehr zu wissen von der gestrigen Nacht. Aber nichts in seinem Schädel dröhnte, überhaupt schien sein Schädel verschwunden zu sein. Er tastete langsam auf beiden Seiten seines Gesichts vom Kinn über die Wangen hoch zum Scheitel. Seine Finger senkten sich in eine weiche Mulde. Warm, feucht. Mit Schrecken fuhr er dem Loch in seinem Schädel entlang. Das musste genäht werden! In der Notaufnahme kam ein rabiat wirkender Arzt in weissem Kittel auf ihn zu. Ohne ein Wort der Beruhigung begann dieser seine Wunde mit weissen Papiertüchern abzutupfen. "muss gestillt werden… muss gestillt werden", murmelte der Dottore dabei, dann trat eine hochgewachsene Frau T. ein, die den gebückt summenden Arzt fortwies und Xaver zum "Bad im Toten Meer" in den mit Plastikstreifen verhangenen Nebenraum anschickte. "Das ist es nun also, das Tote Meer", dachte Xaver, machte kehrt, zog Frau T. irgendein Messinstrument über den Schädel und verliess das Haus. Xaver kratzte sich hinter dem Ohr, er fühlte sich noch immer wie ein angeschossenes Reh. Nach einem kurzen Moment der Besinnung rennt er los. Frau T. lässt er liegen. Irgendjemand wird sie schon finden. Morgen, vielleicht übermorgen. Als er bei der nächsten Kreuzung in eine dunkle Seitengasse einbiegt, sich sicherer fühlt und kurz stehen bleibt, wird ihm klar, dass übermorgen wohl zu spät sein wird und die Frau verblutet sein würde. Xaver und Xaver schauen sich an, ein widerliches Grinsen geboren tief in ihren unseligen Köpfen beisst sich durch zu ihren Gesichtern ehe sie in ein hämisches und allzu menschliches Gelächter der Entzweiflung zerfallen.


roher, unbearbeiteter, per Cadavre Exquis koproduzierter Text aus Dialektik der Koproduktion B, 12.02.2018