Text B2b

Aus Keine Klasse
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Xaver setzt sich mit dem Gesicht zur Wand, wiegt den Schädel hin und her, immer dieser Schädel, mit dem Gesicht zur Wand sitzt Xaver da und lässt seine Gedanken in seinem Schädel rumlaufen, ohne zu wissen, wohin sie gehen. Xaver denkt nach. Er denkt: Was machen die jetzt aus mir? Was bin ich überhaupt? Bin ich eine Geschichte, bin ich ein Leben, oder bin ich nicht, vielleicht, hoffentlich, mehr als das? Der Wecker klingelt in dreissig Minuten sagen sie, dann beginnen sie, meine Geschichte, oder mein Leben, oder mich, ich weiss es nicht genau, in eine Schreibmaschine zu hämmern. Ich hoffe sehr, sie lassen mich nicht sterben. Sie reden über Sehnsucht, Reisen und Löcher im Kopf, über einen Arzt und Frau T., Schuppen, Liegestützen und körperliche Unzulänglichkeiten. Ich kann mir noch keinen Reim darauf machen, es klingt nicht wirklich gut, aber auch nicht wirklich schlimm und manchmal lachen sie ein bisschen. Sympathisch.

Ich hoffe wirklich, ich sterbe nicht. Eine nicht abgeschlossene Geschichte, sagen sie, das klingt schon mal nicht nach Tod. Ich bin ein bisschen erleichtert, aber jetzt ist irgendwas sehr lustig, lachen sie mich aus? Ich bin ja noch gar nicht, es wird noch gar nicht gehämmert! Über Wellen reden sie, Wellen find ich gut, ich mag Wellen, sie sind immer gleich und doch immer anders, vor allem sind sie nie allein und – oje, sie haben begonnen und schweigen jetzt wieder, ich habe meinen Namen noch gar nicht gehört, und ich dachte doch eigentlich, dass es hier um mich geht, aber die Wellen scheinen sie viel mehr zu interessieren, und Haut, irgendetwas mit Haut, das finden sie dann auch noch lustig, aber ich möchte jetzt eigentlich wirklich mal wissen, ob es hier jetzt um mich geht.

Aus einem Loch im Kopf fliesst rötliches Meerwasser, aber das Loch im Kopf ist der Mund? Ich verstehe gar nichts mehr, können sie jetzt nicht endlich mal sagen, dass es um mich geht, dass ich hier eine Geschichte bekomme? Sie haben scheisse gesagt, das würde ich auch gern sagen, hoffentlich lassen sie mich scheisse sagen, ich fluche gern, also ich würde gern fluchen, nur Wellen und fluchen, das passt für mich nicht so zusammen, zu Wellen muss man immer anständig und nett sein weil sie könnten stärker sein als man selbst und da flucht man besser nicht so rum. Ich höre nur das Gehämmere der Schreibmaschine, aber einfach nicht, um was es jetzt geht. Das ist schwierig für mich, ich habe schwache Nerven, also das stelle ich mir jetzt einfach vor, ich kann es ja nicht wissen, weil. es. mich. noch. nicht. gibt!

Ich mag dieses Geräusch gerade nicht so, es klingt bedrohlich, als würde man jemanden mit einer Tacker-Pistole an eine Holzwand tackern. Mich zum Beispiel. Wenn sie reden und hämmern verstehe ich nicht, was passiert, ich habe noch immer keine Ahnung, was sie mit mir vorhaben. Melancholie sagen sie, ja das würde eigentlich zu mir passen und sie reden jetzt immerhin mal schon von einem «er», das könnte also ich sein, das werde ich sein, bestimmt. Noch zehn Minuten, sagen sie, und ich habe irgendwas im Hotel vergessen, vielleicht? Etwas, das mich nicht kümmert? Find ich gut, Hotel find ich gut und nicht kümmern find ich auch gut, ich würde mich auch jetzt gern weniger kümmern, darauf geschissen, was die mit meinem Leben machen, aber es lässt mich jetzt auch nicht los, obwohl sie sich glaub jetzt wirklich lustig über mich machen, sie lassen mich meinen Kopf an einem Torbogen reiben, wtf? Halten sie mich für dumm? Warum sollte ich meinen Kopf an einem Torbogen reiben? Pammpammpamm, hämmern sie weiter, irgendetwas schneit zu Boden, Schuppen, SCHUPPEN? Die machen sich wirklich lustig über mich. Es geht minutenlang um diese Schuppen, und um diesen Torbogen und um Perspektive, sie sagen Perspektive!, und ich sehe überhaupt nicht, dass ich hier irgendwelche Perspektiven habe in dieser Geschichte! Pammpammpamm, glinnng! Dieses Geräusch. Es tackert meine Nerven weg, aber ja, gut, wenigstens lebe ich noch, glaube ich zumindest, sonst könnte mich ja auch dieses Geräusch nicht nerven. Sie finden es schon wieder lustig, sie sagen, ich werde von der peinlichen Traurigkeit zerfleischt. Ich bin mir jetzt sicher, dass sie mich fertigmachen wollen, physisch und psychisch wollen die mich fertigmachen. Eine Uhr klingelt, der Wecker, es ist zu Ende, ich bin am Ende.


Unbearbeiteter Rohtext, Dialektik der Koproduktion B2b (1 lauschende blinde Voyeurin), 12.02.2018

Bezüge: